Sonja Jüngling

Meine Meinung zum Vetorecht in offenen oder polyamoren Beziehungen

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Meine Meinung zum Vetorecht in offenen oder polyamoren Beziehungen

Also erst mal die Definition: Ein Vetorecht besagt im Grunde, dass innerhalb einer Verbindung alle Partner:innen jederzeit das Recht haben, einem romantischen Kontakt des/der Anderen zu unterbinden. Es ist also ein offizielles Bestimmungsrecht über die Sexualität der Anderen.

Und ich muss ja jetzt mal ganz klar und ehrlich und undiplomatisch sagen: da rollen sich mir die Zehennägel auf.

Wir kommen also so weit, dass wir tolerant die Bedürfnisse aller Partner:innen sehen, besprechen und achtsam und wertschätzend ausloten und das durchaus deutlich verhandlungsintensivere Modell einvernehmlich nicht-monogamer Beziehungen einführen, damit alle glücklich werden, und dann vereinbart mensch Gewalt über die sexuelle Lust der Liebsten? Ich gebe zu, das ist plakatiert, aber ich erlebe es tatsächlich, dass Paare das so ausleben. Ich erlebe es tatsächlich, dass eine Person ohne Angabe von Gründen einfach bestimmt, dass zwei andere Menschen, die sich näherkommen möchten, trotz eigentlich offener Beziehung zum Abstand gezwungen sind. Das ist doch absurd. Wer kommt denn auf so was? Wer glaubt denn tatsächlich, dass es in Ordnung ist, romantische Kontakte außerhalb der Beziehung zu vereinbaren, um dann regelmäßig á la Daumen hoch oder runter caesaesk über das Sexualverhalten der wichtigsten Bezugspersonen Macht auszuüben? Und vermutlich fühlt sich mensch dabei noch großzügig, weil er oder sie ja nicht IMMER nein sagt…. Manmanman.

Und was ist das denn auch überhaupt für ein Vorgang? Da gibt es einen neuen, spannenden Menschen im gemeinsamen Leben und anstatt offen und wohlwollend auf diese Person zuzugehen, gibt es erstmal eine Art TÜV oder Fleischbeschau, ob mensch überhaupt zugelassen ist… Schrecklich, auch für die dazukommenden Personen. Was ein innerlicher Stress! Als wenn der Anfang einer neuen Beziehung nicht schon mit genug Unsicherheiten und Fallstricken gespickt wäre. Wo bleibt denn da die positive Aufregung, das Kribbeln, die Vorfreude, wenn mensch die ganze Zeit Angst vor der Bewertung einer anderen Person Angst haben muss, dessen Gründe vermutlich gar nichts mit ihr zu tun haben?

Ich bin davon überzeugt, jeder mensch hat gute Gründe für sein Verhalten. Solch eine Regelung ist vermutlich aus Hilflosigkeit oder Angst entstanden und die Idee dahinter gegenseitige Rücksichtnahme. Aber wie häufig ich darauf stoße, dass ein völlig willkürliches und auch sehr einseitiges Veto ohne Verhandlungsspielraum oder auch nur Gründe kommt, macht mich einfach nur wütend. Und ich muss leider sagen, dass ich keine Beziehung kenne, in der eine weiblich gelesene Person solch rücksichtslose Praktiken anwendet. Ich kenne allerdings mindestens drei Beziehungen, in der ER sich schön vergnügt, aber konstant zu jedem Vorschlag IHRERSEITS nein sagt.

Wie zum Geier kann ER sich gut damit fühlen, Gewalt über den Schoß der Person auszuüben, die er liebt?

Und wie zum Geier kann SIE es dauerhaft dulden, ohne eine andre Strategie zu fahren oder zumindest ins Gespräch zu gehen und in den meisten Fällen trotzdem noch dankbar für die „Öffnung“ der Beziehung zu sein???

Hat das etwa wieder mit der unsäglichen tollerHengst/Schlampe-Geschichte zu tun???

Ja, sind denn alle narrisch g’worn? Nein, so geht das nicht, finde ich. Ich finde, wenn ein Vetorecht explizit vereinbart werden muss, wenn ich also nicht davon ausgehen kann, dass meine Partner:innen sich melden, wenn es ihnen mit irgendetwas nicht gut geht und kein Vertrauen da ist, dass wir dann wertschätzend miteinander ins Gespräch gehen, um eine für ALLE tragbare Lösung zu finden, dann hilft Veto ganz sicher nicht, um die Beziehung angenehmer zu machen.

Ich würde sogar so weit gehen, das Vetorecht abzuschaffen. Allerdings gibt es ja eigentlich für jede Sache, so negativ sie in meinen Augen auch sein mag, jemanden, zu dem sie passt. Also will ich mal nicht so ein J.   

Allen denen, die neu in dem Bereich sind oder aus anderen Gründen mit dem Gedanken auf ein Vetorecht spielen, die sich nicht grade in einer ausgewiesenen DS-Beziehung befinden, möchte ich raten, sich dagegen zu entscheiden und stattdessen dem gesunden Menschenverstand Raum zu geben.

NATÜRLICH muss ich nicht jede „außereheliche“ Aktivität meiner Partner:innen toll finden. Natürlich kann und sollte ich entscheiden, das mit meinen Partner:innen zu thematisieren, wenn der Zustand mehr als ein kurzer Anflug von Eifersucht ist und es einfach null Compersion (wohlwollende Mitfreude über das Glück meiner/meines Liebsten) gibt. Natürlich sollte keine involvierte Person etwas den Partner:innen zuliebe aushalten. Natürlich ist gegenseitige Rücksichtnahme und in Grenzfällen auch ein momentaner oder kompletter Verzicht auf eine bestimmte Person eine Handlungsempfehlung.

In jedem Fall sollte aber meiner Meinung nach ein intensiver Austausch stattfinden, um die Wurzel des Problems herauszufinden. Was ist der Grund, dass die negativen Gefühle die Compersion überwiegen? In den seltensten Fällen ist der Grund tatsächlich bei der „neuen“ Person zu suchen, sondern liegt in der Ausgangsbeziehung. Und der dem zugrunde liegende Konflikt sollte unbedingt angeschaut werden, wenn alle Beteiligte ein Klima von inniger Verbindung, Vertrauen und Wertschätzung anstreben.

Und für alle die, die noch gar nicht so weit sind, sondern die das Vetorecht als Sicherheitsnetz brauchen:

1.      Keine Angst vor solchen Herausforderungen. Hier könnt ihr wachsen und euch und eure Partner:innen WIRKLICH kennenlernen.

2.      Walk the bridge when you get there. Die meisten Sorgen und Befürchtungen treten nie ein und wenn doch, könnt ihr immer noch gemeinsam eine für euch passende Lösung suchen.

3.      Nennt es um Himmelswillen anders, damit ihr gar nicht in die Versuchung kommt, ein „Recht“ über den anderen ausüben zu wollen. Wie wäre es zum Beispiel mit Mitsprachewunsch oder Offenheitsklausel oder Gemeinsamkeitsentscheidung?

Wichtig ist: Geht ins Gespräch, mit euch selbst, mit allen Betroffenen und auch mit eurem Netzwerk. Wer hatte die Situation schon mal, welche Gründe und Lösungsansätze gibt es? Beschäftigt euch mit eurer Haltung zu Eifersucht und Freiheit, mit Thema Abgrenzung und Euren Ängsten und mit eurer Beziehung zu euch selbst. Kurz reflektiert über die Gefühle, die hochkommen. Fühlt sie erst mal einfach ohne Bewertung. Sie dürfen sein und gehen vorbei, so oder so. Dafür ist kein Verbot nötigt. Dafür ist Verbindung und Austausch und Wertschätzung und Raum und Gesehenwerden nötig. Und wer weiß, vielleicht wandelt es sich dann von Ablehnung zu Polykülerweiterung, von Verbot zu Liebes- und Vertrauensvermehrung oder von Gewalt zu Verständnis.

Wie wäre das?

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