Sonja Jüngling

Beziehungsvielfalt – Coaching & Workshops für mehr Liebe und mehr Freiheit
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Warum reagieren Menschen negativ auf Nicht-Monogamie? Was mach ich dann?

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Warum reagieren Menschen negativ, wenn sie mit Polyamorie, Swingen und offenen Beziehungen konfrontiert werden und wie gehe ich damit um?

Laut der letzten Studie, die ich dazu gelesen haben, haben 16,8 % der Befragten (in diesem Fall amerikanische Singles**) Interesse an einer polyamoren Partnerschaft und 10,7% haben schon mal polyamor gelebt. Und hier werden Menschen, die sich eher eine offene Beziehung wünschen oder swingen würden, nicht mal dazu gezählt. Ich kann also eigentlich davon ausgehen, dass jeder dritte Mensch nicht-exklusiven Beziehungen gegenüber durchaus positiv gestimmt ist. Aber warum gibt es dann gefühlt so eine Empörung gegenüber allem Nicht-Monogamen? Und wie kann ich konkret damit umgehen, wenn ich plötzlich einer ablehnenden Person gegenüber sitze?

(Hierbei rede ich übrigens nicht über Menschen, mit denen du schon länger monogam lebst und eine Beziehungsöffnung anstrebst. Dazu gibt es hoffentlich bald einen separaten Text.)

 

Das nicht-monogame Bild der Medien und Kultur

Es gibt nur unheimlich wenige Filme und Serien, die Vielliebe als Teil der Gesellschaft als selbstverständlich darstellen oder thematisieren. Einen Auszug findest du hier. Wobei ich ja sagen muss: auch in offenen und polyamoren Beziehungen spielt die Diade*, also die Beziehung zwischen zwei Menschen, eine Rolle. Wenn also Mag Ryan in ihren Tom Hanks hineinschmilzt, heißt das ja nicht, dass sie nicht noch eine lockere Liebschaft mit ihrem College-Freund aufrecht erhält. Also zumindest theoretisch. Denn auch ein Polykül* aus 6 Menschen besteht dann eben auch aus einem Haufen Zweierbeziehungen (die sich vermutlich alle Quality Time miteinander wünschen. Was vermutlich einer der Gründe ist, warum das äußerst selten vorkommt, mal abgesehen davon, dass eben nicht an jeder Ecke ein Match rumhängt.).

Dass grundsätzlich erst mal die heteronormative* Zweierbeziehung dargestellt wird, hat aber natürlich eher historische Gründe. Die Ehe war eine Zweckgemeinschaft, die Sicherheit und Dauerhaftigkeit bieten sollte und vom Staat deshalb immer noch bevorzugt behandelt wird. Schauen wir mal, was unsere neue Regierung diesbezüglich von ihren Plänen umsetzt, ein gleichwertiges Konzept neben der Ehe für andere Zweckgemeinschaften in Deutschland einzuführen. Seit ein paar Hundert Jahren wird es in Deutschland so dargestellt, als sei die Monogamie die beste Beziehungsform. Und ganz ehrlich, schlecht war das Konzept grundsätzlich erst mal nicht. Ist es immer noch nicht. Aber eben nur eine Form von vielen und ne ganze Menge Menschen halten die lebenslange, sexuell monogame Partnerschaft nicht nicht mehr für das beste Lebenskonzept. Sie haben andere Ideen von Beziehungen und zusammenleben, die aufgrund der Stigmatisierung* gar nicht so einfach umgesetzt werden können. Und es ist ein Unterschied ob alle stillschweigend ignorieren, dass ja irgendwas an dem Konzept nicht stimmen kann bei den Scheidungs- und Untreueraten oder ob ich mich da hinstelle und ganz offen erzähle und nicht mal rechtfertige, dass ich neben meiner Ehe noch weitere romantische Partnerschaften hatte oder habe. Wo kommen wir denn da hin?

 

Familiärer und ganz praktischer Umgang mit Monogamie und Sexualität

Wir wachsen auf mit dem oft erfüllen Schwarzweißdenken, dass der Traumprinz existiert und einmal eingefangen glücklich an meiner Seite bleiben wird und wir reden nicht drüber, wenn es eigentlich ganz anders ist. Und wir fühlen uns ganz leise schlecht, wenn das bei uns nicht aufgeht, weswegen ich Aufklärungsarbeit und Hilfestellung so wichtig finde. Aber dazu gern an anderer Stelle mehr. Wenn ich jedenfalls mit diesem Gedankengut, dass mich nur genug anstrengen muss, um die Traumhochzeit feiern und lebenslang glücklich sein zu können, dann ist es ganz schön bedrohlich, wenn ich plötzlich mitkriege, dass ein paar Menschen das ganz anders sehen. Und dann macht es Angst, wenn ich Menschen treffe, die es total in Ordnung finden, zum Beispiel verheiratet zu sein und ab und an mit dem besten Freund zu schlafen. Und dass das überhaupt nichts über die Ehe aussagt. Und wie soll das überhaupt in der Praxis gehen? KOMPLIZIERT! Nene, das kann nur falsch sein.

Und dann kommt auch noch unser negativer Umgang mit Sexualität generell dazu. Darüber reden nur sehr wenige Menschen offen. Dabei macht auch das Riesenspaß und reden darüber sorgt für so viel besseren und auch mehr Sex. Sexualität und alles Körperliche und Gefühle haben in unserer Gesellschaft wenig Raum und sind schon gar keine „richtigen Argumente und Fakten“, wenn es um gesellschaftlichen Erfolg und Gesundheit geht. Dabei ist unser Körper nun mal Teil von uns UND unserer Gesellschaft und ein positiver Umgang mit Sexualität sorgt nicht nur für mehr Zufriedenheit und Gesundheit sondern auch für weniger sexualisierte Gewalt insgesamt. Leider ist das vielen Menschen noch nicht bewusst und Scham und Vermeidung sehr weit verbreitet. Wie kann das also sein, dass da jemand loszieht und sich darum kümmert mehr Sex zu haben oder mehr Verliebtheit und Romantik ins Leben zu holen? Sodom und Gomorrha!

Es ist also völlig verständlich, wenn Menschen in der Monogamie-Bubble irritiert sind oder sich bedroht fühlen, wenn sie mit Nicht-Monogamie konfrontiert werden. vor allem dann wenn ein weibliches Wesen es wagt, sich ab und an ein sexuelles Abenteuer außerhalb des heimischen Einfamilienhauses oder gar zwei vollwertige Partner zu gönnen. Dann kommt schnell Slutshaming* und anderes patriarchisches Gedankengut und damit große Ängste dazu. Wie soll meine Welt noch funktionieren, wenn plötzlich so essentielle Werte auf den Kopf gestellt werden?

Ganz ehrlich, ich verstehe die Empörung und die Ablehnung, auch wenn ich es natürlich nicht mag, wenn ich deswegen schlecht behandelt werde. Aber Teile davon wohnten auch noch in mir. Internalisiertes Stigma nennt sich dass und am Anfang meiner Entdeckungen hatte ich damit ganz schön zu kämpfen. Wenn ich als sexuelle Randgruppe zumindest in Teilen von mir schlecht denke, wirkt sich das laut Moors*** negativ auf meine Beziehungs- und Lebensqualität aus. Es ist also durchaus sinnvoll, das im Blick zu haben und damit zu arbeiten. Und das wiederum hilft dann auch wieder gelassener mit den Menschen umzugehen, die das für sich ablehnen.

 

Wie reagiere ich also bei Ablehnung von Nicht-Monogamie?

In erster Linie mit ganz viel Verständnis! Denn dass dein Gegenüber plötzlich nach Luft schnappt, laut wird oder dich abwertet, hat mehr mit ihm zu tun als mit dir. Also nimm es nicht persönlich, sei geduldig und neugierig und hör gut auf dein Gefühl. Am besten bereitest du das Gespräch gut vor, falls du vor hast, mit Familie oder Freunden darüber zu reden. Also sorg für genug Zeit, intimen Raum und wenig Ablenkungen.

Hilfreich ist auch wenn du dir grundsätzlich Gedanken machst für spontane Nachfragen oder Gespräche im Alltag z.B. mit Arbeitskollegen. Dann bist du vorbereitet und es kann ein entspannendes und zugleich spannendes Gespräch werden.

Im Gespräch stell Dir immer wieder folgende Fragen:

  • Wie ist grade mein Energielevel? Mag ich weiterreden?
  • Habe ich Zeit und Geduld für oder Bock auf das Gespräch?
  • Möchte ich überhaupt noch irgendwas dazu sagen? Immerhin ist es nicht meine Verantwortung dem Gegenüber die Welt zu erklären
  • Ist die Stimmung aggressiv und möchte ich das aushalten?
  • Wie offen ist mein Gegenüber?
  • Ist mein Gegenüber so stark getriggert, dass ich den Umgang damit lieber vertagen oder eine Aufklärungsplattform oder therapeutische Unterstützung empfehlen möchte?

Diese Fragen dienen dazu herauszufinden, ob du bereit dazu bist, das Gespräch fortzuführen. Du wünschst dir vermutlich ein positives oder neutrales Ende. Bist du genervt oder ängstlich, wird daraus vermutlich nichts. Ich finde es wichtig, achtsam und verständnisvoll mit den Ängsten und Gefühlen des Gegenübers umzugehen (und mit deinen!). Ich bin dafür zwar nicht verantwortlich, aber ich möchte auch nicht, dass die Person einen negativen Eindruck mitnimmt. Und wenn da plötzlich jemand steht, von dem ich viel halte und der mir plötzlich mein Schwarz als Weiß erklärt, kann das schon mal erst mal schockierend sein. Also übe dich am besten in Geduld, Verständnis und Wohlwollen. Und zieh dich zurück, falls es dir zu viel oder zu blöd wird. Du muss NICHT die Welt retten.

 

Wie nehme ich es nicht persönlich, es geht doch um mich?

Joah, das kann man jetzt so oder so sehen.

Ja, der Einstieg bist du, ist deine (Sicht von deiner) Beziehung.

Falls bei deinem Gegenüber negative Gefühle hochkommen, hat das aber nichts mit dir zu tun! Du bist vielleicht der Auslöser aber nicht der Grund für die Gefühle.

(es sei denn, es ist dein/e Partner:in, die grade aus allen Wolken fällt, aber wie gesagt, völlig anderes Gespräch. Solltest du hier Hilfe brauchen, sprich mich an.)

Wie oben beschrieben entlädt sich die Empörung, Angst oder Wut nur über dir und du kannst jederzeit entscheiden wie du damit umgehen möchtest und/oder dich abgrenzen. Ich würde dir empfehlen, selbst dann souverän und ruhig zu bleiben, wenn dein Gegenüber beleidigend oder persönlich wird. Das, was sich da entlädt, sind jahrelange Erfahrungen und Eintrichterungen, die nun endlich einen Raum und eine Anlaufstelle zu haben scheinen. Vielleicht gab es Berührungspunkte damit, wenn auch nur in Gedanken. Vielleicht hat Dein Gegenüber schlechte Erfahrungen mit Seitensprüngen gemacht oder denkt, eine Beziehung ist kaputt, wenn es Begehren gegenüber Dritten gibt und hat dann auch noch – oh Schreck – selbst letztens romantisch an die Arbeitskollegin gedacht. Lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Versuch nichts zu rechtfertigen, denn du und deine Form Beziehung zu leben ist gut und in Ordnung, egal was dein Gegenüber darüber denkt. Wenn du die Geduld hast, hör zu und antworte auf Fragen. Sobald du deine Grenzen verletzt oder überschritten siehst, schreite ein, thematisiere es freundlich aber bestimmt oder zieh dich zurück. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das funktioniert auch verbal. Also wenn du dagegen hältst und anfängst zu kämpfen, kannst du nur verlieren, weil es sich dann hochschaukeln und unschön wird.

Dein Gegenüber darf sein Ängste und Bedenken haben und äußern, so lange es respektvoll passiert und du hast jederzeit die Wahl, wie du mit jeglicher Äußerung umgehen oder ob du sie überhaupt aushalten möchtest. Denn wie gesagt, es geht hier nicht um dich. Getriggerte Menschen kämpfen grade mit sich, nicht mit dir. Sie brauchen Hilfe und Verständnis und das im Zweifelsfall nicht mal von dir. Ist dein Gegenüber noch nicht so weit, ein für dich akzeptables Gespräch zu führen, lohnt es sich vielleicht über eine Wiederholung nachzudenken. Aber du bestimmst selbst, ob und wie du damit umgehen möchtest. Denn im Zweifelsfall kannst du immer das Internet (oder natürlich mich 🙂 empfehlen und wieder darauf verweisen, wie viele Gründe es dafür gibt, die Monogamie für sich in Frage zu stellen. Und ganz ehrlich: mehr als jede dritte Person ist sehr positiv gegenüber Nicht-Monogamie gestimmt. Such dir einfach andere Gesprächspartner:innen. Es gibt davon glücklicherweise wirklich inzwischen genug.

Und das gehe ich jetzt mal feiern 🙂

 

Lass dich nicht vom bösen Schatten der Ablehnung einholen

Denn das darfst du nicht vergessen: SOOO viele Menschen sind dankbar für ein Gespräch über dieses Thema, für einen offenen, informierten Umgang. Sie wollen mehr über andere und entspanntere Liebesformen erfahren oder haben einfach Interesse an deiner Welt. Hab Vertrauen und freu dich auf die vielen Möglichkeiten, dieses spannende Thema anzugehen, auf die vielen unterschiedlichen Sichtweisen und Wahrheiten, auf die fast philosophische Frage, wie Menschen in ZweiPlus-Konstellationen mit Eifersucht umgehen, auf die Frage wie viele Menschen es schaffen das Glück der Partnerpersonen über ihres zu stellen und sich zu freuen, wenn er oder sie eine Möglichkeit zum Flirten findet, auf Ideen zur besseren Organisation eines Polykülkalenders und auf Erzählungen von 100köpfgen Familienfeiern. So viele Herausforderungen, so viel Vielfalt, so viel Liebe. DAS ist doch wunderbar. Wenn ich mich drauf einlassen möchte und das entscheidet wirklich jeder und jede für sich.

Ich freue mich, wenn dieser Artikel hilft, das Thema entspannt anzusprechen. Denn je mehr Menschen darüber ganz konkret Bescheid wissen, desto mehr Menschen haben die Wahl, die für sie richtige Beziehungsform zu finden und Liebe und Gemeinschaft in ihrem Leben zu entspannen und zu vermehren. Und ich vermute, dass sich dann immer noch genug für die Monogamie entscheiden. Die fühlt sich meiner Erfahrung nach aber auch deutlich besser an, wenn sie bewusst statt aus Zwang, Nichtwissen oder mangelnden Alternativen gewählt wird.

 

 

 

**Moors, 2021: „Desire, Familiarity, and Engagement in Polyamory: Results From a National Sample of Single-Adults in de United States“

***Moors, 2019: „Internalized Consensual Non‑Monogamy Negativity and Relationship Quality Among People Engaged in Polyamory, Swinging, and Open Relationships“

 

*Hier MEINE ganz individuellen Definitionen

Polyamorie: Ich liebe mehrere Menschen auf romantische Weise, siehe auch die Definition von Wikipedia, dann kannst du auch gleich zum Spender werden, falls du möchtest und es noch nicht bist

Polykül: Mehrere Menschen haben miteinander (also Jede Person mit jeder anderen Person) eine gleichwertige, romantische Beziehung.

Diade: Zwei Menschen, die miteinander interagieren

Slutshaming: Diskriminierung/Abwertung von Frauen, die sich sexuell ausleben

heteronormativ: binäres Geschlechtersystem wird als normal angenommen

Stigmatisierung: Bestimmte Gruppen werden aufgrund äußerer Merkmale mit negativen Begriffen belegt, Stigmatisierung beinhaltet drei Komponenten: Stereotypisierung, Vorurteile und Diskriminierung

 

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